Sachen mit Wœrtern

Zeitschrift für Literatur und Ähnliches

Teile und Herrsche. Ein Gastbeitrag von Stephan Groß

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Jetzt war mit einem Mal dieser Albtraum vorüber, und an seine Stelle trat die helle und tröstliche Aussicht, ein oder zwei zerschmetternde Schläge könnten den Krieg beenden … Ob die Atombombe anzuwenden sei oder nicht, darüber wurde überhaupt nicht gesprochen. − Winston Churchill

 
Den Befehl zum Einsatz der neuen Waffe gab US-Präsident Harry S. Truman, Nachfolger des am 12. April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt, im Haus Erlenkamp in Potsdam, wo die amerikanische Delegation während der Potsdamer Konferenz Quartier bezogen hatte. Truman, früher Roosevelts Vizepräsident, hatte bis zum Amtsantritt keine Kenntnis vom „Manhattan-Projekt“, der Entwicklung der Atombombe. Das Motiv für den Einsatz der Bomben war, Japan möglichst schnell zur Kapitulation zu bewegen und so den Krieg zu beenden. Einerseits befürchtete Truman, dass die Sowjetunion Forderungen auf japanisches Gebiet stellen würde, andererseits, dass die geplante amerikanische Landung auf den japanischen Hauptinseln viele Opfer unter den US-Soldaten fordern würde. Zum damaligen Zeitpunkt waren noch große Gebiete Asiens von Japan besetzt. Trumans Entscheidung wird noch immer stark und emotional diskutiert. Die Atombombenexplosionen töteten insgesamt etwa 92.000 Menschen sofort – fast ausschließlich Zivilisten und von der japanischen Armee verschleppte Zwangsarbeiter. (Wikipedia)

Die legendäre, historische, echte Truman-Show: „Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten Krieg brachten.“ Mit diesen Worten informierte Truman die Welt über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. „Sonne“ wie in „in der Sonne gereifte Kirschen“. Hiroshima, mon amour, Hiroshima, mon chéri, Hiroshima, mon cherry tree. Kurosawas Held in Bilanz eines Lebens (Alternativtitel: Ein Leben in Furcht) hat nach dem Atomschlag an der japanischen Kirschblüte allerdings keine Freude mehr. Der Protagonist erleidet einen kleinen Knacks, glaubt sich im All und hält die Sonne für die brennende Erde. Deshalb ist Japan auch als das „Land der aufgehenden Sonne“ bekannt. Es werde Licht. Die Entstehung der Erde und des Menschen. Die Entstehung des Lebens durch fortgesetzte Teilung. Der Vergleich Kernspaltung − Zellteilung. Wo etwas sich auf der einen Seite genau die notwendige Zeit nimmt, um sukzessive eine hochkomplexe Struktur aufzubauen, fliegt dort im Nullkommanix einfach alles auseinander; was im Weg steht, wird weggeblasen. Die Reste des Vorgangs strahlen munter praktisch bis zum Jüngsten Gericht weiter und überbringen jedem Stück organisiertem Leben, dem sie begegnen, die frohe Botschaft von Kafkas Schutzmann: Gibs auf.

Deutschland zerfliegt auch völlig, noch fröhlicher als zu Zeiten der Fürstentümer. Heute gibt es so viele Deutschlands wie Deutsche und jeder kann in seinem Kokon sein eigenes kleines Reich zu Tode verwalten. Leider bleibt es dabei nicht, sondern die Partikel fliegen in alle Welt und zersetzen überall, wo sie auftreffen, alle gewachsenen Strukturen. Man denke nur an Krauss-Maffei Wegmann. Da freut man sich doch über jeden Rohrkrepierer, wie beim Schützenfest in Marsberg, wo der Startschuss zum Todesschuss und Abschiedssalut mutierte, da der Schützenkönig durch ein Kanonenschrapnell niedergestreckt wurde. Oder Fliegerbomben in Oranienburg, was uns wieder auf die Spur der legendären Zerfallsprozesse führt, die der Zweite Weltkrieg hervorrief und die noch immer die Fantasie der Menschen in Ost und West beflügeln. Der japanische Verteidigungsminister Fumio Kyūma trat 2007 zurück, nachdem er in einer Rede vor Studierenden gesagt hatte, die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki „hätten nicht vermieden werden können“, weil sie Japan „ein Schicksal wie Deutschland erspart“ (gemeint war die deutsche Teilung) und die Kapitulation beschleunigt hätten. Weite Teile der japanischen Gesellschaft, die Medien und die Opposition hatten ihre Empörung geäußert und Druck auf den Politiker ausgeübt. Noch ein bisschen empörender allerdings das Vorgehen der japanischen Atomlobby nach Fukushima. Vernichtung eines Teils der isolierten, als asozial diffamierten Unterschicht durch Arbeit im verstrahlten Gelände.

Die zuviele zivile Nutzung der Kernenergie: Auch in Deutschland sterben Atomarbeiter deutlich häufiger als die übrige Bevölkerung an Leukämie, Lungen- und Gehirnkrebs, Magen- und Darmkrebs, Prostatakrebs sowie der Hodgkinschen Krankheit. Dazu kommen die genetischen Strahlenfolgen. Das Risiko, dass ihre Kinder an Missbildungen oder Erbkrankheiten leiden werden, ist erheblich größer als für andere Kinder. Leih- und Fremdarbeiter setzen in Nuklearbetrieben ihr Leben aufs Spiel und werden von der Industrie gezielt als Strahlenfutter verbraucht. Bei gefährlichen Arbeiten wurden, so Günter Wallraff, zumeist Gastarbeiter türkischer Abstammung „in die Strahlen geschickt“ und, wie es im Kernkraft-Jargon heiße, systematisch „verheizt“. Denn die Industrie kalkuliere „von vornherein einen bestimmten Prozentsatz Toter“ fest ein. Mit derselben Chuzpe siedelte man in den sechziger Jahren die Westberliner Gastarbeiter bewusst in Neukölln und im Wedding an, damit sich die Rote Armee bei einem etwaigen Vorrücken erst mal durch einen Gürtel von „Türkenleibern“ hätte schießen müssen.

Wallraff hatte sich zunächst beim Kernkraftwerk Würgassen beworben, einem der ältesten Nuklearbetriebe der Bundesrepublik, der zugleich auch als einer der anfälligsten galt. Doch dann bekam der Journalist „Angst vor einem viel zu langsamen, von Strahlenkrebs zerfressenen Dahinsiechen“. Würgassen: Eine Anlage mit einem klaren, eleganten Schwung ins pittoreske Weserbergland gemalt. Ihre Lage im Dreiländereck von Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ermöglichte der Statistik die Teilung des Wirkbereichs und damit die Unterdrückung und Unterschlagung der statistischen Häufung von strahlenbedingten Gesundheitsschäden.
Interessiert die breite Masse so sehr wie die ortstypischen Kuhfladen: einen Scheiß. Der Scheiße an sich wird keiner einen großen Informationswert beimessen außer irgendwelchen Zoologen der NSA, die die Lebensumstände der Tiere rekonstruieren müssen, um sich selber besser zu verstehen.

Des Pudels Kern im Kot. Obstkerne in der Scheiße. Errungenschaft der Evolution: Bäume spekulieren darauf, dass die Kerne von den Obst fressenden Tieren verschleppt werden, um die Spezies zu verbreiten. Nehmen wir zum Beispiel einen Haufen Kirschkernkot. Steinmarder. Sicher. Auch wenn kein Kirschbaum in der Nähe ist. Er geht weit, um an Kirschen zu kommen. Japan erreichten sie nicht rechtzeitig, aber jetzt kommen die Russen in Form von atombetriebenen sibirischen Monstersteinmardern, um endlich den Betonzylinder an der General-Pape-Straße zu sprengen, Symbol des letztlich auch ukrainischen Faschismus. Geht das nicht zu weit? Die Bedrohung existiert schließlich nur in den Köpfen, wie das bayrische Superhirn Franz Josef Strauß auf dem Höhepunkt des Wahns erkannte. So fiktiv wie die wohl 650 Millionen Euro, die über das Schweizer Konto seines Landsmanns Hoeneß wanderten, bevor dieser in den Bau wanderte. Krauss-Maffei Wegmann (Sitz in München)? Verknackt aber nur nach Maßgabe eines dokumentierten Bruchteils dieser Summe. Also kommt der verkackte verknackte Nager bald wieder aus seinem Bau und die ganze Scheiße geht von vorne los. Aber wir wollen ja keine Haare spalten, sondern Kerne.

 

Stephan Groß (*1979 in Höxter, NRW) lebt und arbeitet in Berlin. 1999–2005 Studium der Kunst und Mathematik an der Universität Bremen u.a. bei Frieder Nake. Autor, Künstler, Filmemacher. Seine Filme liefen im ZKM Karlsruhe, im FACT Liverpool, beim internationalen Kurzfilmfestival Hamburg, beim K3 Filmfestival Villach und in verschiedenen Nationalmuseen und -galerien.

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