Sachen mit Wœrtern

Zeitschrift für Literatur und Ähnliches

Rückblick: Die Lesung im Laika

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Am 24. September war Sachen mit Wœrtern im lauschigen Laika in Neukölln eingeladen. Sechs Autorinnen und Autoren aus den letzten beiden Ausgaben lasen neue Texte, die in ihrer Mischung aus Prosa und Lyrik in unterschiedlichster Form abwechslungsreicher nicht hätten sein können.

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Den Anfang machte Auguste von Blau mit ihrem Prosatext „Jetzt bin ich ein Zwerg“, in dem es um Siggi ging, der obdachlos wird, sein Bein verliert, plötzlich in einer anderen Stadt lebt, ohne seine Heimatstadt je verlassen zu haben. Nachts sitzt er, wartet, spürt, wie sein Bart wächst. Sein Bein, freilich, wächst nicht nach, und selbst als der Zeitpunkt gekommen ist, es sich zurückzuholen, hört er von den Diensthabenden im Krankenhaus nur: „Ihr Bein bleibt hier, Herr Siegfried.“

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In Sofie Lichtensteins Prosastück konnte eine naiv-epiphanische Erzählstimme nicht aufhören, mitten in Berlin den Vergleich mit brasilianischen Favelas zu ziehen, „ein anderes Land inmitten der Metropole“, die Möglichkeit eines touristischen Ausflugs in das Exotische lockt – aber „Wer weiß, ob du da so rauskommst, wie du rein bist.“ Alles hat den faden Nachgeschmack des Wunderbaren, die schrillen Farben von Müllbergen, „der Himmel Plaste und orangefarben.“

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Valentin Moritz beschwor in seinem Text „Tag 19, Andorra“ die Intensität und Aufgewühltheit eines Reisetagebuchs herauf, die Hitze des Südens, die Wucht von flüchtigen Begegnungen, die Leichtigkeit und halsbrecherische Melancholie des schnellen Reisens. Unumgänglich bei einer Radwandertour durch die Pyrenäen sind die Geschichten, aus denen sich Etappenbekanntschaften speisen, die Geschichten, die Fremde in Cafés und auf Zeltplätzen erzählen, und die Geschichten, die man über sich erzählt – den Mitreisenden, den Einheimischen und sich selbst.

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Robert Klages widmete sich in seiner Kurzgeschichte „Frühstück im Januar“ einer absurd-brutalen Männerfreundschaft im Nirgendwo zwischen Partys, Joints, Frauen, Vaterschaft und dreckigen Badezimmern. Sein Gedicht danach war dagegen eine Anatomie der Erinnerung – oder des Vergessens, kalenderartig strukturiert. Die Hingabe und Perfektion, mit der diese Sektion durchgeführt wird, straft ihr eigenes Projekt Lügen: „Ich vergesse dich monatsweise“.
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Simone Scharbert stellte nach einer lyrischen Antwort auf Robert Klages‘ letzten Text Gedichte vor, in denen sie sich mit ihren Erfahrungen als Helferin in einer Flüchtlingsunterkunft auseinandersetzt. Kommunikation und Kommunizierbarkeit werden in dieser Region provisorisch, nach dem Transit zwischen ganz unterschiedlichen Welten –„Mein Mund ein Wartezimmer.“ Subjektive, unartikulierbare Erfahrung stößt auf die aufgeladene Pseudoobjektivität von Zeitungsschlagzeilen.

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In Clemens Schittkos Langgedicht wurde das dogmatische bedeutungs- und sicherheitsgebende „So ist das“ Stück für Stück auseinandergenommen von dem durch das Nichts heimgesuchten Sein: „Auf meinem Gesicht sind mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde“. Zurück bleibt Körperlichkeit, Sprache: „Wenn der Körper ein Ding ist, sind die Zellen Worte“.

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Wir danken den Lesenden ebenso wie den Gästen und vor allem dem Laika für diesen tollen Abend!

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