Sachen mit Wœrtern

Zeitschrift für Literatur und Ähnliches

Gedankenströme, Neonlicht: Über die Lesung in der Brotfabrik

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Am 29. Mai 2015 waren wir zur Heftvorstellung der 5. Ausgabe (STROM) in der Brotfabrik in Weißensee.

Die Brotfabrik in Weißensee, lassen wir uns von Alexander Graeff erklären, der nicht nur dort für die Literatur zuständig ist, sondern heute auch seinen Text aus unserer STROM-Ausgabe lesen wird, ist eigentlich viel besser für Lesungen geeignet als für Musikveranstaltungen oder Theater. Wir sehen uns den Roten Salon an, einen langgezogenen, schlichten Raum mit gedämpftem Licht und stimmen ihm im Stillen zu. Ein guter Ort zum Lesen. Hier kann man sich fallen lassen, zuhören, sich ganz auf das konzentrieren, was an dem Tisch mit der Leselampe vorgetragen wird. Irgendwie ist man wie verschluckt, der Alltag bleibt hinter der schweren Holztür zurück, das leise Klappern von Geschirr aus der Küche nebenan, Stimmen, Musik, alles klingt, als sei es weit weg.

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Es passt gut, dass der Abend mit Lyrik beginnt. Ohne zu zögern, folgen wir Mikael Vogel durch dunkler werdende Milieus, wühlen zwischen „ver- / Geßliche[n] Laken“, erforschen ausgestorbene Arten, treffen auf ein emanzipiertes Rotkäppchen im Goth-Outfit. Dazwischen erzählt Mikael von Kaiser Nero, während dessen Gesangsdarbietungen Frauen Kinder zu Welt gebrachten haben sollen, weil er seinem Publikum verbot, die Vorstellung zu verlassen. Die schwere Tür öffnet und schließt sich, erinnert uns kurz an das lärmende Draußen.

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Die Erzählerin von Carola Weiders Kurzprosastück ist Krankenschwester, und in den Szenen, die sie beschreibt, hat man  nie das Gefühl, das Krankenhaus verlassen zu haben. Eine Neonlichtatmosphäre, die alles unwirklich erscheinen lässt, wie der fremde Krankenhausgeruch, der den Ausnahmezustand in die Welt hinausprojiziert. Neonlicht ist intensiv, ein Surren liegt in der Luft, die Spannung scheint sich mit der Stille nach dem Vortrag kaum zu verflüchtigen.

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Simone Scharbert bringt in ihrer Lyrik die Sprache zum Fließen, solide erscheinende Wörter werden formbar, zerschmelzen, verwandeln sich, und die Welt, die sie bilden, gerät „sturzbächern“ in Bewegung. Wir werden mitgerissen von den Wörtermassen, die sich nur langam wieder beruhigen, schließlich eine nur leicht von Wellen durchzogene Oberfläche bilden, auf der Bruchstücke von Spiegelungen balancieren – ein Tisch, weiches Holz, Gesten: Familie.

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Robert Klages satirische Texte führen dagegen zu Wörtern mit Schwergewicht: In seinem „Bewerbungsratgeber“ rät er, bei Hobbies immer „Puzzeln“ und „Laufen“ anzugeben, damit der zukünftige Arbeitgeber weiß, dass man seinen Frust nicht an ihm auslassen wird. Ob man dieses oder jenes Wort verwendet, macht den schmalen Grat aus zwischen sozialer Anerkennung durch finanzielle Sicherheit (jedenfalls bis Fristende) durch einen Job und prekären Lebensumständen in sozialer Ausgrenzung. Dass man Hegel gelesen hat, wird stattdessen niemanden beeindrucken, denn wenn dein Chef in spe Hegel gelesen hätte, wäre er jetzt nicht Chef …

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Alexander Graeff zeichnet in seinem „poeto-narrativen Hinterbühnenjournal“ minutiös Gedankenströme eines Künstler-/Philosophen-Ichs auf, deren absurde Aneinanderreihung absurd poetisch ist: „Unter meinem Computer liegt / Dostojewskis Schuld und Sühne. // Auf einem Baumstumpf schläft // ein Berliner Pelikan in der Mittagssonne.“ Wir lernen: Wenn Philosophie selbstironisch und noch dazu literarisch wird, kann sie sehr viel Spaß machen. Und Nachdenken ist super, aber man sollte dabei nicht das Leben aus den Augen verlieren. Also: „Zurück ins Jetzt. Zurück am Freitag.“ Tür auf.

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