Sachen mit Wœrtern

Zeitschrift für Literatur und Ähnliches


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Gegen den Strom: Lesung im ORi am 2. Juli

Herbeigeströmt! Die Lesungen zur fünften Ausgabe von Sachen mit Wœrtern gehen in die dritte Runde: Am 2. Juli sind wir zu Gast in unserer Lieblings-Kulturkneipe, dem ORi in Neukölln.

Die Autoren, die an diesem Abend lesen werden, zeigen unter anderem, dass das Thema der aktuellen Ausgabe, Strom, sich auch wunderbar für Gesellschaftskritik eignet. In ihrer Lyrik und Prosa geht es etwa um das Sozialsystem als „ewig tropfende[n] Wasserhahn im Irrsinn des Zufalls“, der mit der spontanen Gerechtigkeit eines Blitzschlags kontrastiert wird (Jannis Poptrandov), oder um den Versuch, die Welt ohne den Menschen zu denken, indem das Fließen von Gewässern Handlung ersetzt und jegliche Sensationsgier beim Zuhörer entlarvt (Clemens Schittko). Bei Robert Klages und Mikael Vogel sind es Ströme von Tieren, ja ganze Arten, die unter dem Einfluss der menschlichen Willkür versehentlich und schonungslos zugrunde gehen.

Fließender Strom wird üblicherweise mit technischem Fortschritt assoziiert und dieser wiederum mit Kapitalfluss. Strömende Flüsse dagegen rufen Bilder idyllischer, unberührter Natur auf. Treffen diese Komponenten aufeinander, kann man nur warnen: Achtung, es wird satirisch, sarkastisch, schwarz.

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Über die Autoren

Robert Klages, geboren 1984 in Westfalen, lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Düsseldorf, Córdoba und Berlin. Gründer, Mitveranstalter und Autor der Lesebühne „Sprechstunde:Nebensatz“ in Kreuzberg. Texte und Termine gibt es unter robert-klages.de.

Jannis Poptrandov, geb. 1974 in Berlin, hört Sibelius, während er Gedichte schreibt, in voller Lautstärke, die Nachbarn beschweren sich, und er dreht die Anlage zum Maximum auf. Hat in „Abwärts!“ die General-Zarkos-Sage über den dritten Weltkrieg veröffentlicht.

Clemens Schittko, geboren 1978 in Berlin/DDR. Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u. a. als Fensterputzer und Lektor und erhielt den „lauter niemand“-Preis für politische Lyrik 2010. Zuletzt erschienen: „Und ginge es demokratisch zu“ (SuKuLTuR, Berlin 2011). Lebt in Berlin(-Friedrichshain).

Mikael Vogel, 1975 geboren, lebt in Berlin. Im Verlagshaus J. Frank, Berlin, erschien im März 2014 sein vierter Gedichtband „Morphine“. Zur Zeit arbeitet er an einem neuen Gedichtband über ausgestorbene Tierarten: „Dodos auf der Flucht“.


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Von Strom, Wasser und Süßkartoffeln: Ein Kommentar zur politischen Situation in Nepal

Ein Gastbeitrag von Florence Wild

Stunden hatten wir auf dem Motorrad verbracht, in völliger Dunkelheit, flankiert von massiven Gebirgsketten und umgeben von unnachgiebigem Geröll, welches der Monsun von den Steinwänden gespült hatte. Dann, nach einer letzten Haarnadelkurve, lag es endlich vor uns, das Kathmandutal. Gesehnt hatte ich mich nach meiner Koje unter dem Moskitonetz, den Duftschwaden aus dampfenden Töpfen in schummrigen, schiefen Gassen und nach den Geräuschen und Lichtern der Stadt vor meinem Fenster. Doch vor uns lag Dunkelheit. Eine dumpfe, grobkörnige, seltsam stille Dunkelheit − wie das Nachleuchten eines soeben abgeschalteten Fernsehers.

Das war kein Stromausfall, kein Versehen. Hierfür gibt es eigens von der Regierung angefertigte und ausgehängte Zeitpläne. Je nach Jahreszeit rotiert der Strom − oder seine Abwesenheit − auf die Minute genau durch die einzelnen Viertel. Damals, im Sommer 2010, zwei Jahre nach der Ausrufung einer demokratischen Republik in dem ehemaligen hinduistischen Königreich, war jedes Stadtviertel täglich einer zweistündigen Strompause ausgesetzt. Zwei Stunden, für uns ein ganzes Bundesligaspiel in Dunkelheit und Stille − in Nepal sind zwei Stunden ohne Strom am Tag ein Luxus, den man meist nur in den Sommermonaten genießen kann. Ich kannte das Spiel, hatte mich daran gewöhnt, im Kerzenschein zu kochen, mit meinen Mitbewohnern auf das Dach zu steigen, ein Everest-Bier zu trinken und dabei den Tag Revue passieren zu lassen. Und dennoch verspürte ich in diesem Moment eine solche Frustration über diese Hauptstadt am Himalaya, die im Dunkeln lag. Nicht weil ich mich persönlich unwohl fühlte, sondern weil sie das politische Stillstehen versinnbildlichte, dem die Nepalis seit dem Ende des zehnjährigen Bürgerkrieges 2006 ausgesetzt sind.

Heute hat sich die Zahl an stromlosen Stunden fast vervierfacht. Im August 2014 berichtete die Kathmandu Post, dass sich die wöchentliche Zahl der Stunden ohne Strom bis auf weiteres auf sechzig erhöht hätte. Und das, obwohl Nepal seit Jahren von ausländischen Investoren und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als zukünftiger Wasserkraftgigant gehandelt wird. Im Februar 2012 erlangte das chinesische Energieunternehmen Three Gorges International die offizielle Erlaubnis der nepalesischen Regierung, den 750 mW starken West-Seti-Damm im Nordwesten des Landes zu errichten. Dem staatlichen Unternehmen stünden nach der Fertigstellung des 1,6-Billionen-Dollar-schweren Projektes, angesetzt für Dezember 2019, nach derzeitigem Stand der Verhandlungen rund 75 Prozent des dort produzierten Stroms zur Verfügung.
Die Nachrichtenagentur AFP berichtete im August 2014 aus Anlass eines Staatsbesuches des neu gewählten indischen Premiers, Narendra Modi, in Kathmandu, dass Indiens Energiepolitik mit dem Nachbarstaat dringend wiederbelebt werden müsse. Indien und China liefern sich seit Jahrzehnten ein Duell um politischen Einfluss in Nepal, welches sich in den letzten Jahren mit dem technologischen Fortschritt beider Länder im Energiesektor verschärft hat. So hält auch das indische Infrastrukturunternehmen GMR 82 Prozent Anteil an einem 600-mW-Wasserkraftwerk auf dem Marsyangdi Fluss, welches 2021 fertiggestellt werden soll. Weitere Projekte, sowohl auf indischer als auch chinesischer Seite, stehen schon in den Startlöchern. All das, während Nepal nach Angaben von Reuters im April 2012 rund 900 mW jährlich fehlen.

In den Sommermonaten von Juni bis September regnet der Monsun auf Nepal herab. Mehrmals täglich fallen kirschgroße Wassertropfen in stetigen Kaskaden vom Himmel. Es ist die Zeit des Wassers und der Fruchtbarkeit; der Himmel ist wolkenschwer und die Berge tragen ein sattes, tiefes Grün. Wenn das Wasser fließt, gibt es mehr Strom − so geht die ökonomische Gleichung. Doch die Natur rechnet mit anderen Variablen. Der Monsun bewässert nicht nur, er löst auch das Erdreich. In Kathmandu verwandeln sich die größtenteils unbefestigten Straßen in butterigen, ockerfarbenen Schlamm.
Das Stadt-Land-Gefälle wächst in Zeiten des Monsuns schlagartig. Tourismus in entlegenere Gebiete − wie etwa zur Trekking-Hochburg Pokhara oder in den südlichen, von Elefanten und Tigern bewohnten Chitwan Nationalpark − setzt vollständig aus. Zeitungen können aufgrund der Straßenverhältnisse nicht mehr rechtzeitig geliefert werden.

Lebensmittellieferungen können ebenso in gewohnter Fülle und Zeitigkeit nicht mehr garantiert werden. Anfang August 2014 wurde ein gesamtes Dorf von einem Erdrutsch verschluckt, bei dem insgesamt 156 Menschen ums Leben kamen. Jedes Jahr verlieren Hunderte Menschen ihre Unterkunft, die sie notdürftig wieder aufbauen, bis der nächste Regen kommt, der die wackeligen Konstruktionen erneut wegspült. Es ist eine Sisyphosarbeit im engsten Sinne des Begriffs.
Betroffen waren 2014 auch die Wasserwerke, die wirtschaftlichen Hoffnungsträger des Landes und Säulen der nepalesischen Außenpolitik im neuen Jahrtausend. Das erklärt die hohe Zahl der Wochenstunden ohne Strom: Drei Wasserwerke wurden durch einen massiven Erdrutsch im Sindhupalchok-Distrikt außer Kraft gesetzt. Die Politik streitet derweil über die Ausrufung eines nationalen Notstands. Über eine neue, demokratische Verfassung hat die Nationalversammlung nach mehrmaligem Aufschub bis heute nicht entschieden.

Während das Land in politischem Morast und lähmender Dunkelheit versinkt, strömen die Menschen aus dem Land. Die Schlagzeilen über 185 tote nepalesische Gastarbeiter in Katar im vorletzten Jahr gingen um die Welt. Nicht erst seit Vergabe des Austragungsortes der FIFA Weltmeisterschaft 2022 zieht es Nepalis als Gastarbeiter in die Golfstaaten, doch ihr Schattendasein tritt meist nur dann zutage, wenn es Leichen gibt, die eine Identifizierung und offizielle Stellungnahme der Botschaften erfordern. So wurden etwa im August 2004 zwölf nepalesische Gastarbeiter im Irak von der radikalislamischen Terrorgruppe „Ansar al Sunna” exekutiert. Einem Bericht von Aljazeera Juni letzten Jahres zufolge migrieren jeden Tag 1.700 Nepalis in die Golfstaaten, 13 Prozent davon sind Frauen. Rücküberweisungen der 2,2 Millionen Migranten konstituieren mittlerweile 26 Prozent des Bruttoinlandsproduktes − im März 2014 titelte die Washington Post treffenderweise: „Nepal, once known for farming, now exports people”.

In der Geschichte des Landes hat sich die Selbstbezeichnung „yam between two boulders” − eine Süßkartoffel zwischen zwei Felsen − durchgesetzt. Die Felsen, das sind Indien und China, zwei globale Schwergewichte. Nepal, die Süßkartoffel, ist zwar nahrhaft, aber weich und vergänglich im Vergleich. Genauso fluide ist mittlerweile die nepalesische Identität, gefangen in einer dialektischen Beziehung zwischen Annäherung und Ablehnung zu Indien. An China möchte man sich nun orientieren, China investiert, China mimt den großen Bruder, während Indien als drakonische Mutter auftritt. Doch der Himalaya bleibt eine geographische, wirtschaftliche, kulturelle und politische Trennwand. Nicht von ungefähr kommt das Interesse Chinas an grenzüberschreitender Zusammenarbeit; schließlich leben in Nepal nach Angaben des UNHCR 20.000 Tibeter. Mit dem wachsenden chinesischen Investment steigt auch die Zahl der Grenzkontrollen und Razzien, so ein Bericht von Human Rights Watch aus dem letzten Jahr.

Es scheint zunehmend so, als schwimme in Nepal alles, was normalerweise fix sein sollte − während alles klemmt, was Fortschritt verspricht. Die Häuser, die Menschen, selbst das Gebirge − alles bewegt sich, während sich die Politik zwischen den Felsen verschanzt hat und Anteile an noch nicht existenten Wasserwerkserzeugnissen verkauft. Ich möchte sagen, dass der Strom Nepal retten wird. Aber die Finanzspritze wird aller Wahrscheinlichkeit nicht dort angesetzt werden, wo es Sinn macht. Dafür müsste erst die zügellose Korruption eingedämmt werden, die derzeit so alldurchdringend ist, dass Transparency International Nepal im März 2014 einen Beitrag mit dem Titel „An analysis of corruption in Nepal: Is it becoming socially acceptable?“ veröffentlichte. So werden wahrscheinlich auch 2020 die Lehmhütten vom Monsun weggeschwemmt, während chinesische Ingenieure die Wasserwerke betreiben und nepalesische Bauarbeiter die WM-Stadien in Katar fertigstellen. Vielleicht geht irgendwo ein Licht an.


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Gedankenströme, Neonlicht: Über die Lesung in der Brotfabrik

Am 29. Mai 2015 waren wir zur Heftvorstellung der 5. Ausgabe (STROM) in der Brotfabrik in Weißensee.

Die Brotfabrik in Weißensee, lassen wir uns von Alexander Graeff erklären, der nicht nur dort für die Literatur zuständig ist, sondern heute auch seinen Text aus unserer STROM-Ausgabe lesen wird, ist eigentlich viel besser für Lesungen geeignet als für Musikveranstaltungen oder Theater. Wir sehen uns den Roten Salon an, einen langgezogenen, schlichten Raum mit gedämpftem Licht und stimmen ihm im Stillen zu. Ein guter Ort zum Lesen. Hier kann man sich fallen lassen, zuhören, sich ganz auf das konzentrieren, was an dem Tisch mit der Leselampe vorgetragen wird. Irgendwie ist man wie verschluckt, der Alltag bleibt hinter der schweren Holztür zurück, das leise Klappern von Geschirr aus der Küche nebenan, Stimmen, Musik, alles klingt, als sei es weit weg.

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Es passt gut, dass der Abend mit Lyrik beginnt. Ohne zu zögern, folgen wir Mikael Vogel durch dunkler werdende Milieus, wühlen zwischen „ver- / Geßliche[n] Laken“, erforschen ausgestorbene Arten, treffen auf ein emanzipiertes Rotkäppchen im Goth-Outfit. Dazwischen erzählt Mikael von Kaiser Nero, während dessen Gesangsdarbietungen Frauen Kinder zu Welt gebrachten haben sollen, weil er seinem Publikum verbot, die Vorstellung zu verlassen. Die schwere Tür öffnet und schließt sich, erinnert uns kurz an das lärmende Draußen.

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Die Erzählerin von Carola Weiders Kurzprosastück ist Krankenschwester, und in den Szenen, die sie beschreibt, hat man  nie das Gefühl, das Krankenhaus verlassen zu haben. Eine Neonlichtatmosphäre, die alles unwirklich erscheinen lässt, wie der fremde Krankenhausgeruch, der den Ausnahmezustand in die Welt hinausprojiziert. Neonlicht ist intensiv, ein Surren liegt in der Luft, die Spannung scheint sich mit der Stille nach dem Vortrag kaum zu verflüchtigen.

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Simone Scharbert bringt in ihrer Lyrik die Sprache zum Fließen, solide erscheinende Wörter werden formbar, zerschmelzen, verwandeln sich, und die Welt, die sie bilden, gerät „sturzbächern“ in Bewegung. Wir werden mitgerissen von den Wörtermassen, die sich nur langam wieder beruhigen, schließlich eine nur leicht von Wellen durchzogene Oberfläche bilden, auf der Bruchstücke von Spiegelungen balancieren – ein Tisch, weiches Holz, Gesten: Familie.

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Robert Klages satirische Texte führen dagegen zu Wörtern mit Schwergewicht: In seinem „Bewerbungsratgeber“ rät er, bei Hobbies immer „Puzzeln“ und „Laufen“ anzugeben, damit der zukünftige Arbeitgeber weiß, dass man seinen Frust nicht an ihm auslassen wird. Ob man dieses oder jenes Wort verwendet, macht den schmalen Grat aus zwischen sozialer Anerkennung durch finanzielle Sicherheit (jedenfalls bis Fristende) durch einen Job und prekären Lebensumständen in sozialer Ausgrenzung. Dass man Hegel gelesen hat, wird stattdessen niemanden beeindrucken, denn wenn dein Chef in spe Hegel gelesen hätte, wäre er jetzt nicht Chef …

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Alexander Graeff zeichnet in seinem „poeto-narrativen Hinterbühnenjournal“ minutiös Gedankenströme eines Künstler-/Philosophen-Ichs auf, deren absurde Aneinanderreihung absurd poetisch ist: „Unter meinem Computer liegt / Dostojewskis Schuld und Sühne. // Auf einem Baumstumpf schläft // ein Berliner Pelikan in der Mittagssonne.“ Wir lernen: Wenn Philosophie selbstironisch und noch dazu literarisch wird, kann sie sehr viel Spaß machen. Und Nachdenken ist super, aber man sollte dabei nicht das Leben aus den Augen verlieren. Also: „Zurück ins Jetzt. Zurück am Freitag.“ Tür auf.