Sachen mit Wœrtern

Zeitschrift für Literatur und Ähnliches


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Stromschnellen in Neukölln: Release-Lesung „Strom“ am 10.4.

Vergangenen Freitag, am 10. April, konnten wir uns endlich über die Release der fünften Ausgabe von Sachen mit Woertern freuen – und feierten das Ereignis mit einer fantastischen Lesung in der Buchhandlung „Buchkönigin“ in Neukölln. Dank gilt den sieben Autorinnen und Autoren, die uns mit ihren Texten beehrten, und natürlich allen, die vorbeikamen, um sich das „Strom“-Heft anzusehen. Wir sind sehr stolz auf die neue Ausgabe: auf die tollen Lyrik- und Prosatexte, die das Thema Strom in seinen verschiedenen Bedeutungsfacetten beleuchten, auf die wie immer bezaubernden Zeichnungen von Petrus Akkordeon und die Fotografie von Ella Rynski … wir freuen uns sehr, dass das Talent dieser vielen Menschen bei uns zusammenfließt.

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Auch bei der Lesung am Freitag konnten wir einen Einblick erhalten, welche vielfältigen Themen rund um den Strom und darüber hinaus unsere Autorinnen und Autoren umtreiben. Fiona Sironic las als Erste ihren Strom-Text „habe das Internet gehört“. Darin beschreibt eine Patientin ihre Wahrnehmung einer Röntgenaufnahme; der Körper rückt hier in die Perspektive des medizinischen Apparats und wird fast Teil, Verlängerung der Maschine: „Da gibt es einen Mann, hüftabwärts gelähmt, dem hat ein anderer Mann, ein Doktor med., Elektroden in die Hirnrinde gepflanzt, und wenn er jetzt lange daran denkt, seine Hand zu bewegen, wackelt sein Fuß.“

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Mischa Mangel, der zweite Autor des Abends, las eine Reihe von Lyriktexten, die sowohl strahlenden, summenden als auch fließenden Strom in der Großstadt in Worte fassen. „die straßenbahn verglüht hinter der kurve. ihre fahrt / glimmt in den augen weiter. das strahlen erstarrt und fällt schräg / in den fluss. es bildet einen weg. es bricht / in barren auseinander“, schreibt er in unserem Heft.

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Anschließend stellte Robert Klages einige kurze Prosatexte und ein Gedicht vor. Bei ihm erfährt man den unerwarteten Prunk eines Berliner Schlosses, ein kleiner Mann macht ihm zu Hause seine Identität streitig, und ein unerträglich hässlicher Protagonist erwartet verständnisvoll seine Hinrichtung. Auch sein Text aus dem Strom-Heft handelt vom Tod: Sein Zimmer wird darin zum Massengrab, „Bei mir kann man gut sterben“.

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Mikael Vogel, der schon bei mehreren unserer Lesungen dabei war, war danach an der Reihe: Seine Texte erzählten diesmal von ausgestorbenen chinesischen Flussdelfin-Prinzessinnen, von „elektrische[n] Fische[n] in den Schlammwassern des Amazonas“ und von der philanthropen Idee der Tötung durch Stromschläge – lakonische Kommentare zur menschengemachten Manipulation von Strömen und Elektrizität.

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Nach einer kurzen Pause, in der Schreibende und Publikum bei Wein und Bier ins Gespräch kamen und das laue Neuköllner Frühlingswetter genossen, trug Jonis Hartmann – extra aus Hamburg angereist – seine Strom-Texte vor. „Bete, Lemming, bete!“ heißt es über ein absurdes Wettrennen, bei dem Käse-Weltmeisterbrötchen eine nicht unerhebliche Rolle spielen; „Osmose“ deckt auf, welche Kräfte tatsächlich auf die Welt wirken, und „Drehstrom“ beschreibt die ewige Suche nach der einen, richtigen Maschine.

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In Lutz Steinbrücks Poesie verwandelt sich Berlin in eine fantastische Unterwasserwelt: Der Blaue Riesenfisch schwimmt hier „durch die Nebelstraße im Schlepptau nächtlicher Flossenkolonnen“, und an der Spree entpuppt sich die Stadt als zeitweise maritim, nicht nur am, sondern im Fluss: „ach ja, der Himmel ist blau, nach uns die Touristen“.

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Den Abschluss machte Clemens Schittko, der uns ebenfalls schon mehrmals mit seinen Texten beehrt hat. Diesmal war darin wortwörtlich alles „scheiße“, und sein nihilistischer Blick auf unsere Generation, deren Tättowierungs-Wut für Clemens Schittko eine Sehnsucht nach bedeutungsvollen Verwundungen darstellt, führte wie immer bei den Zuhörenden zu Unbehagen, Lachen, und Denkanstößen. Seine Ströme in unserem Heft kommen ganz ohne Menschen aus …

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Alles in allem war es wieder ein sehr gelungener Abend, der (hoffentlich nicht nur bei uns) wieder große Zuhör- und Leselust geweckt hat und (hoffentlich nicht nur uns) motiviert, mit vollem Elan weiterzumachen. Die Veröffentlichung von „Strom“ wurde jedenfalls gebührend zelebriert, und wir freuen uns, von euch zu hören, was ihr davon haltet! Ein großer Dank gilt noch einmal dem Team der wunder-, wunderbaren Buchkönigin, ohne dessen Unterstützung die Lesung weder so glatt verlaufen, noch so gemütlich geworden wäre. Wer noch nicht da war: Für Bücherliebhaber und Freunde jeglicher Art von Sachen mit Wörtern lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch in diesem Laden!

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